Theater
Der zerbrochene Krug
Stadthalle
Pachtener Straße 1, 66763 Dillingen
Der zerbrochene Krug
Lustspiel
Lustspiel
In der beschaulichen Gemeinde Huisum zerbricht ein Krug; auf den ersten Blick scheint es sich um einen verkraftbaren Schadenswert zu handeln, doch in Wirklichkeit geht es um noch viel mehr. Der Ruf von Eve scheint genauso in Gefahr zu sein wie ihre Verlobung zu Ruprecht. Denn was hatte der Dorfrichter Adam am letzten Abend bei der Tochter von Marthe zu suchen? Und warum hat Adam einen lädierten Fuß und Schrammen im Gesicht? Das Offensichtliche liegt so nahe: Selbstverständlich hat Adam die junge Frau in ihrem Zuhause bedrängt, wird von Ruprecht dabei überrascht und zieht sich bei seinem anschließenden Sprung aus dem Fenster die Blessuren zu. Trotzdem schafft es die Dorfgemeinschaft, gestützt von einer zementierten Hierarchie und einem guten Schuss Patriachat, an der Wahrheit vorbeizuschauen. Das geht so lange gut, bis die neue Gerichtsrätin Walter anreist. In aller Öffentlichkeit schaltet Adam nun in den Angriff und macht sich selbst den Prozess, der ihn alles kosten könnte.
Die Komödie von Kleist darf Komödie statt Drama sein, weil die Dreistigkeit des Protagonisten in uns ein nur allzu bekanntes Gefühl erweckt; Wer über Macht (oder/und Geld) verfügt, kommt manchmal auch mit der größten Lüge davon. Die Wahrheit wird übersehen, während das aktive Wegschieben von Verantwortung oft auch noch beklatscht wird. Eine scheinheilige, um Sicherheit bedachte Mitwisserschaft zeigt sich dabei genauso verantwortlich wie eine skrupellose Elite, die das Privileg zu nutzen weiß.
Der Zerbrochene Krug gilt als einer der meistgespielten Klassiker auf deutschen Bühnen, doch um den Kernkonflikt auch wirklich ins 21. Jahrhundert zu transferieren, entscheiden wir uns für einen Ansatz jenseits von Patriachat (ohne diesen Umstand zu ignorieren). Dorfrichter Adam steht im Zentrum des Geschehens, so viel ist klar. Anders als aus reiner Dreistigkeit, sogar Boshaftigkeit zu entscheiden, erklären wir Adam zum Opfer.
Seit geraumer Zeit gibt es in der Psychologie eine bemerkenswerte Entdeckung. Anders als noch im letzten Jahrhundert, scheint es ein neuartiges Phänomen des Individuums zu sein, Gefallen an der Narration des eigenen Opfers, anstatt des eigenen Helden zu finden. Die Erfindung des Opfer-Seins hat eine große Suggestivkraft, besonders für diejenigen, die ohnehin zum Schwindeln neigen. In der öffentlichen Welt von prominenten Musiker*innen, Schauspieler*innen, aber auch in der Wirtschaft und besonders in der Politik ist das gut zu beobachten.
Donald Trump in den USA - 180 Gradwendung bei den letzten Wahlen. Vom Messias zum Opfer eines weltweit lancierten Wahlbetrugs.
Die AFD, allen voran die Parteispitze - das Opfer einer Medienkampagne, als deutschlandweit von Gesprächen über Remigration oder Bezuschussungen aus dem Ausland berichtet wird.
Gil Ofarim inszeniert sich sogar so weit, dass er auf Instagram einen nicht existierenden Tathergang schildert, weint und den (leider immer noch stark verwurzelten) Antisemitismus dazu nutzt, die eigene Lüge zu bedecken.
All die genannten Beispiele bedienen sich dieser Strategie des Lügens.
Hans Stoffels, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sagt im Focus-Interview von 2023 dazu folgendes: «Ich habe beobachtet, dass sich Lügner heute gerne als Opfer inszenieren. Früher haben sie sich als Adlige ausgegeben oder später dann als Fabrikbesitzer. (…) Manchmal stelle ich sogar fest, dass sich Patienten danach sehnen, ein Trauma-Opfer zu sein, weil sie dann auf Zuwendung hoffen können.
Weiter: Ich erinnere mich an den Fall einer Rollstuhlfahrerin, die überfallen worden war, jemand hatte ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt. Das hat zu großer Empörung geführt. Später hat man festgestellt, dass sie sich diese Verletzung selbst beigebracht hatte. Durch ihr Opferdasein aber hatte sie zunächst außerordentliche Anerkennung gefunden.
Zu Gil Ofarim: Er hat, wie berichtet wird, weltweit Aufmerksamkeit bekommen. Durch keine andere Behauptung hätte er so viel Zuwendung und Anerkennung und Aufmerksamkeit erfahren als wie durch diese Erzählung.
Zur Persönlichkeit von pathologischen Lügner*innen: «In der Regel haben sie ein labiles Selbstbewusstsein, sie besitzen keine Ich-Stärke, kein Selbstvertrauen. Aus dem Gefühl heraus, nichts wert zu sein, nicht anerkannt zu werden, entsteht der Wunsch nach einer anderen Wirklichkeit. Sie verspüren die Verlockung, sich selbst neu zu erfinden. In den 1920er Jahren hatte ein Züricher Psychiater einen krankhaften Lügner in Behandlung und hat ihn in einer seiner Vorlesungen vorgestellt. Dieser Mann hatte sich als Doktor der Philosophie und Doktor der Rechtswissenschaften ausgegeben, außerdem hatte er behauptet, Fliegeroffizier gewesen zu sein.
In der Vorlesung gab er zerknirscht zu, er sei ein Lügner gewesen. Er habe keinen Doktor gemacht, er sei auch nie Offizier gewesen, sondern nur einfacher Infanterist. Im Weiteren erzählte er von den Entbehrungen im Schützengraben, bis alle ganz gerührt waren. Später stellt sich heraus: Er war nie im Krieg gewesen.
Er hat also von der Helden- in die Opfernarration gewechselt und ist zunächst auf diese Weise allen Vorwürfen entgangen. (…) Der krankhafte Lügner besitzt eine große Suggestivkraft. Er kann andere Menschen beeinflussen, aber auch sich selbst. Er glaubt sich seine Geschichte. Es ist eine Mischung aus Betrug und Selbstbetrug. Ein pseudologischer Schwindler kann über einen langen Zeitraum selbst an seine Lügen glauben, und dadurch wirkt er dann auch so überzeugend.
Die Komödie von Kleist darf Komödie statt Drama sein, weil die Dreistigkeit des Protagonisten in uns ein nur allzu bekanntes Gefühl erweckt; Wer über Macht (oder/und Geld) verfügt, kommt manchmal auch mit der größten Lüge davon. Die Wahrheit wird übersehen, während das aktive Wegschieben von Verantwortung oft auch noch beklatscht wird. Eine scheinheilige, um Sicherheit bedachte Mitwisserschaft zeigt sich dabei genauso verantwortlich wie eine skrupellose Elite, die das Privileg zu nutzen weiß.
Der Zerbrochene Krug gilt als einer der meistgespielten Klassiker auf deutschen Bühnen, doch um den Kernkonflikt auch wirklich ins 21. Jahrhundert zu transferieren, entscheiden wir uns für einen Ansatz jenseits von Patriachat (ohne diesen Umstand zu ignorieren). Dorfrichter Adam steht im Zentrum des Geschehens, so viel ist klar. Anders als aus reiner Dreistigkeit, sogar Boshaftigkeit zu entscheiden, erklären wir Adam zum Opfer.
Seit geraumer Zeit gibt es in der Psychologie eine bemerkenswerte Entdeckung. Anders als noch im letzten Jahrhundert, scheint es ein neuartiges Phänomen des Individuums zu sein, Gefallen an der Narration des eigenen Opfers, anstatt des eigenen Helden zu finden. Die Erfindung des Opfer-Seins hat eine große Suggestivkraft, besonders für diejenigen, die ohnehin zum Schwindeln neigen. In der öffentlichen Welt von prominenten Musiker*innen, Schauspieler*innen, aber auch in der Wirtschaft und besonders in der Politik ist das gut zu beobachten.
Donald Trump in den USA - 180 Gradwendung bei den letzten Wahlen. Vom Messias zum Opfer eines weltweit lancierten Wahlbetrugs.
Die AFD, allen voran die Parteispitze - das Opfer einer Medienkampagne, als deutschlandweit von Gesprächen über Remigration oder Bezuschussungen aus dem Ausland berichtet wird.
Gil Ofarim inszeniert sich sogar so weit, dass er auf Instagram einen nicht existierenden Tathergang schildert, weint und den (leider immer noch stark verwurzelten) Antisemitismus dazu nutzt, die eigene Lüge zu bedecken.
All die genannten Beispiele bedienen sich dieser Strategie des Lügens.
Hans Stoffels, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, sagt im Focus-Interview von 2023 dazu folgendes: «Ich habe beobachtet, dass sich Lügner heute gerne als Opfer inszenieren. Früher haben sie sich als Adlige ausgegeben oder später dann als Fabrikbesitzer. (…) Manchmal stelle ich sogar fest, dass sich Patienten danach sehnen, ein Trauma-Opfer zu sein, weil sie dann auf Zuwendung hoffen können.
Weiter: Ich erinnere mich an den Fall einer Rollstuhlfahrerin, die überfallen worden war, jemand hatte ihr ein Hakenkreuz in die Wange geritzt. Das hat zu großer Empörung geführt. Später hat man festgestellt, dass sie sich diese Verletzung selbst beigebracht hatte. Durch ihr Opferdasein aber hatte sie zunächst außerordentliche Anerkennung gefunden.
Zu Gil Ofarim: Er hat, wie berichtet wird, weltweit Aufmerksamkeit bekommen. Durch keine andere Behauptung hätte er so viel Zuwendung und Anerkennung und Aufmerksamkeit erfahren als wie durch diese Erzählung.
Zur Persönlichkeit von pathologischen Lügner*innen: «In der Regel haben sie ein labiles Selbstbewusstsein, sie besitzen keine Ich-Stärke, kein Selbstvertrauen. Aus dem Gefühl heraus, nichts wert zu sein, nicht anerkannt zu werden, entsteht der Wunsch nach einer anderen Wirklichkeit. Sie verspüren die Verlockung, sich selbst neu zu erfinden. In den 1920er Jahren hatte ein Züricher Psychiater einen krankhaften Lügner in Behandlung und hat ihn in einer seiner Vorlesungen vorgestellt. Dieser Mann hatte sich als Doktor der Philosophie und Doktor der Rechtswissenschaften ausgegeben, außerdem hatte er behauptet, Fliegeroffizier gewesen zu sein.
In der Vorlesung gab er zerknirscht zu, er sei ein Lügner gewesen. Er habe keinen Doktor gemacht, er sei auch nie Offizier gewesen, sondern nur einfacher Infanterist. Im Weiteren erzählte er von den Entbehrungen im Schützengraben, bis alle ganz gerührt waren. Später stellt sich heraus: Er war nie im Krieg gewesen.
Er hat also von der Helden- in die Opfernarration gewechselt und ist zunächst auf diese Weise allen Vorwürfen entgangen. (…) Der krankhafte Lügner besitzt eine große Suggestivkraft. Er kann andere Menschen beeinflussen, aber auch sich selbst. Er glaubt sich seine Geschichte. Es ist eine Mischung aus Betrug und Selbstbetrug. Ein pseudologischer Schwindler kann über einen langen Zeitraum selbst an seine Lügen glauben, und dadurch wirkt er dann auch so überzeugend.
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Webseite:
www.ticket-regional.de
Tourist Information Saarlouis · CC BY